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thomas n. burg - on social media and its benefits for us, and sometimes gossip.

MonsterMedia

MonsterMedia - monstrosity in the face of weblogs

My paper is trying to setup the grounds for researching the newly established blogosphere and the media culture in general in terms of cultural practices vis a vis the new phenomenon. Martijntje Smits theory on how society reacts on new technologies forms the basis of the research on weblogs. Her “pragmatic monster-ethics” outline social and cultural reaction in view of the emergence of new technologies. My paper elaborates on weblogs, the blogosphere and its practice of linking as new technologies and techniques of content creation that challenge our established public media space.

On the grounds of this outline the discourse within the blogosphere as well outside of it will be researched.

MonsterMedia - Monströsität angesichts von Weblogs[1]

Neue Medien bedürfen immer einer genaueren Spezifikation. [2] Denn “neu” ist eine historische Perspektive. Weblogs sind eine hybride Entwicklung der letzten 5 Jahre, die technologisch und publizistisch beschreibbar ist. Sogesehen stellen Weblogs die neueste Entwicklung im Feld der Neuen Medien dar. Kurz zusammengefasst sind Weblogs ein Publikationsformat, das stark an Tagebücher oder eben Logbücher erinnert, auf einem effizienten Content-Management-System beruht, sowie durch den Einsatz von Hyperlinks zur sozialen Netzwerkbildung im Internet beiträgt [3]. Weltweit werden derzeit etwa 3 Millionen registrierte User mit unterschiedlich starker regionaler Verteilung angenommen.[4]

Seit Blogs am Awareness-Horizont aufgetaucht sind entwickelt sich eine lebhafte Diskussion über Definition, Sinn, Nutzung, Lebensdauer, Verbreitung, Gefahren, Chancen. Mithin ein Diskurs der idealtypisch die Ankunft einer neuen kulturellen Form beschreibt. An der Peripherie von Webpublishing, dem sozialen Raum Internet, ist etwas Neues aufgetaucht.

Dieses Paper versucht einen Rahmen zu entwickeln, der es erlaubt die kulturellen Reaktionen einer Gesellschaft angesichtes einer neuen digitalen, web-basierten Ausdrucksformen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive zu beschreiben.

Die Grundlage bildet die Dissertation “Excorcising monsters: the cultural domestication of new technologies”[5] von Martijntje Smits bzw ein auf ihr beruhender Aufsatz[6].

Im Kern geht es in der Dissertation darum ausgehend vom Monster-Begriff - d.h. der These das ein Monster zwei nicht-vereinbare Seiten in sich vereint (z.Bsp. menschliche Teile und anorganische und/oder animalische) - kulturelle Normen und Verhaltensweisen angesichts von ‘monströsen’ Herausforderungen zu untersuchen. Das Moster erhält seine Eigenschaften, weil unsere kollektiven kulturellen Kategorien, die es uns erst möglich machen die Welt zu begreifen, keine Zuweisung erlauben. D.h. dass es immer Monster geben wird, zumindest aber so lange unsere Zivilisation auf kulturellen Kategorien beruht.[7]

In diesem Essay wird nun versucht Smits These anhand des Phänomens Weblog, der Blogopshere bzw. der Verlinkung/Vernetzung von Content zum Einsatz zu bringen. Die Frage ist: Sind Weblogs, die Blogosphere bzw. Verlinkungen Monster und wenn welche kulturellen Kategorien übersteigen sie?

Smits versucht mit ihren Thesen den kulturellen Lernprozess kreativ zu erweitern indem sie den blinden Fleck der Technologie-Ethik-Diskussionen, der Kommunikation zwischen Technologen und den Anwendern oder Nutzern, zu den Wurzeln zurückverfolgt und den Mythos säkularisiert. Zwischen dem Vorwurf fehlender Rationalität und dem der Missachtung der Natur gibt es eine Vermittlung, das Monster, und das analysiert Smits. Hier wird versucht an einem Ausschnitt der technologischen Entwicklung im Bereich der Neuen Medien die Technologen- und Anwenderdebatte zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen.[8]

Ziel ist es auch einen Lernprozess in Gang zu setzen, der es ermöglicht neue digitale Medien kreativ anzueignen - nach Smits eben durch eine “pragmatische Monster-Ethik”. D.h. auch eine Anpassung der Technologien (Software) an die NutzerInnenbedürfnisse.

Sowohl Entwickler als auch die Öffentlichkeit bzw. die Gesellschaft können auf diese Weise lernen.

1. Kultur und Monster

1.1 Risiken neuer Technologien

Smits Thesen gehen von der Risiko-Einschätzung angesichts neuer Technologien aus. Nun werden neue digitale Medien in der Regel nicht als riskant wahrgenommen, zumindest nicht in einem Ausmaþ verglichen mit den Technologien der Genmanipulation, der Kernenergie etc. Ich denke, es gibt allerdings eine kulturelle Ebene, die neue digitale Medien mit kulturell tradierten Formen der Kommunikation und der Produktion bzw. dem Vertrieb von Kommunikation in Konfrontation bringt, die subtiler, aber nicht weniger erschütternd ist.

Die Mehrzahl der Kommunikationsprodukte ist historisch von Gatekeepern distribuiert worden, d.h. den Nutzern wurde eine Selektion vorgesetzt. Worum es im Feld der neuen digitalen Medien geht ist eine Verschiebung zu sog. User-driven Kommunikationsprodukten, von Push- zu Pull-Ökonomie im allgemeinen. Nach Lage der einzelnen NutzerInnen können so Kommunikationsprodukte entstehen. Ein Beispiel wäre etwa ein Newsaggregator[9], der Inhalte anderer Seiten verfügbar macht und der Nutzerin eine Weiterverarbeitung dieser Inhalte erlaubt. Ein anderes Beispiel wäre die Erfassung von Waypath[10]-generierten Links, die bzw. der Content auf den sie verweisen zu einem Dokument zusammengefügt werden könnten.

Letztlich sind Aspekte der Macht, der Autorität, der Öffentlichkeit, der Ökonomie davon betroffen. Das Risiko ist hier ein unterschwelligeres, nichtsdestotrotz politisches.[11] Ich gehe daher davon aus, dass ähnliche Muster da wie dort beobachtbar sind.

Angesichts des Internet, des Web und im kleineren der Weblogs bzw. der Blogosphere sind zwei polarisierende Reaktionen, die Raum für die Monster-Analyse geben, zu verzeichnen.

a)Die Befreiung des Einzelnen als Autor/Produzent sowie die direkte Vernetzung (Verlinkung) und Umgehung von Intermediatoren (auch Zensoren), Schaffung einer New Economy im Sinne der Californian Ideology.[12]

b)Vermassung und Banalisierung von Content (Quantität statt Qualität), Gefährdung der Kultur durch Verdummung, Verletzung von Urheberrechten und ökonomischer Interessen.

Change PyramideWas steht hinter dem Utopie-Dystopie-Syndrom, der Euphorie und der Verdammung neuer digitaler Medien? Welche Muster lassen sich isolieren. Gibt es Gemeinsamkeiten beider Positionen?

Damit alle Beteiligten Möglichkeiten haben einen Prozess in Gang zu setzen, so Smits, ist es nötig den blinden Fleck der Polarisierung zu überwinden. “[...] the shaping of new socio-technical practices should be under some kind of democratic control”[13].

Neuerungen sind immer auch ein Change-Prozess

1.2 Monster als kulturelle Kategorie

Phänomene, die ausserhalb der gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit[14] stehen, diese aber konfrontieren, die nicht zugeordnet werden können und damit Raum schaffen für Fantasien, erfordern und resultieren nach Smits in 4 idealtypischen Reaktionen einer Kultur und ihrer Akteure gegenüber dem Monströsen.

  1. Vernichtung des Monsters
  2. Anpassung des Monsters
  3. Assimilierung der Empfängerkultur und des Monsters
  4. Apotheose des Monsters

Die ersten beiden Fälle stellen eine rigide Reaktion dar, die bestehende Kultur verweigert sich dem Neuen und vernichtet es.

Im dritten Fall wird das Neue nicht als Gefahr, sondern als Chance gesehen, beide Seiten nähern sich einander an und integrieren sich.

Die Apotheose ist die blinde Verherrlichung des Anderen, des Monströsen mit allen damit einhergehenden Heilsfantasien und lediglich eine Variante des ersten Falles, nämlich ein unkritischer, unreflektierter Umgang mit dem Anderen.

Ton Zijlstra wendet nun diese Thesen auf die Akzeptanz von Wissensmanagement im allg. an[15], ich möchte kursorisch versuchen die These von Smits auf das Phänomen Weblogs/Blogosphere anzuwenden.

2. Weblogs - Monster des Netzwerkes, Netzwerk des Monsters

Das Monströse von Weblogs ist - vielfache Definitionsversuche zeugen davon - (analog zu Ton Zijlstras These im Feld von Wissensmanagement) der Paradigmenwechsel im Bereich Personal Publishing und interaktive Netzwerke, mit der Folge, dass wir nicht nur eine neue Form der Content-Generierung vorfinden, sondern in noch viel höherem, jedenfalls relevanterem Ausmaþ eine neue Form der Vernetzung einzelner Knoten (nodes). Mit Knoten und dass scheint mir das wirklich Neue, sind nun nicht mehr einzelne Websites, die über die URL angesprochen werden können, gemeint, sondern der einzelne Post oder Weblog-Eintrag. Dieser Paradigmen-Wechsel von der Seite zum Post[16] birgt ein enormes Potenzial wechselseitiger Konnektivität auf Micro-Content-Basis, Weblog-Tools wie Trackback[17] oder Pingback[18] unterstützen die Awareness. Diese Konnektivität erfordert neue Navigations-Instrumente, die eine Verortung im inhaltlichen, aber besonders im Sozialen ermöglichen - Technorati (www.technorati.com) bis Waypath (www.waypath.com).

Die auf diese Art gewobenen Netze schaffen, das ist die These, eine emergente Intelligenz, die mehr ist als die Summe der einzelnen Posts, Autoren oder Weblogs[19]. In solch einer Sphäre haben wir nun nicht mehr mit Information Anxiety (zu wissen, das es mehr Informationen gibt, als man jemals und gerade im Moment zur Verfügung hat) zu kämpfen, sondern damit vom Netz entkoppelt zu sein - Interaction Anxiety[20].

Der Zugang zu dieser emergenten Intelligenz wird zentraler Bestandteil unseres Alltages. Das Monströse dabei ist nun die Ðberschneidung des Humanen mit dem Maschinellen sowie die Erkenntnis, dass es eine Intelligenz gibt “da draussen”, die unabhängig von mir als Bestandteil ist, die nicht zentral kontrolliert werden kann und gerade deshalb intelligent ist. Eine Intelligenz, die auf Interaktion und Kommunikation beruht, auch auf dem sozialen wie informationalen Kapital zum gegebenen Zeitpunkt die richtige Quelle befragen zu können (das bibliografische Wissen nicht das enzyklopädische). Das Befragen wird dabei zum Aktualisieren eines Netzwerkes, das gleichermaþen aus Menschen wie aus Maschinen besteht.

A world where fluidity of interaction with information will be at least as important as information itself. A world where we’ll fear being cut off from The Network, with the resulting inability to access our sources of knowledge. A world of interaction anxiety.[21]

Gehen wir einen Schritt zurück und betrachten wir die Modifikationen im Bereich der Produktionsmittel von Kommunikationsprozessen.

3. Produktionsverfahren

Wir beobachten bezogen auf Weblogs im Kern eine technisch-ermöglichte Emanzipation des Einzelnen/der Masse vom Konsumenten zum Produzenten. Professionelle Produktionsmittel (Weblog-Software und Webspace) stehen für wenig Aufwand zur Verfügung, die Gatekeeper (Agenturen, Verlage, Konzerne, Behörden) können umgangen werden Damit geht auch eine fundamentale Neudefintion des Produzierens einher.

Der Autor als Revenant[22], eben eine Art Monster, rückt in das Zentrum des Produktionsprozesses. Als quasi paradoxe Intervention positioniert er sich an einer Stelle neu, wo der medientheoretische Diskurs den Tod des Autors hinter mächtigen Hypertext-Strukturen konstatierte.[23], [24] Zwischen Information Overload und Attention Economy[25] entwickeln sich Reputations-Systeme[26], die abseits maschineller Regelwerke - aber maschinell unterstützt - als Autoren Instanzen der Relevanz und Qualitätssicherung des Internets sind. Vertrauen[27] als Kategorie einer neuen Medienöffentlichkeit ist gleichermaþen in der Debatte um embedded-Journalists im Umfeld des Irak-Krieges, sowie der Alternativ-Berichterstattung via Weblog feststellbar. Weblogs bzw. deren Autoren stellen soetwas wie humane Data-Mining-Schnittstellen dar. Der Filterungsprozess und die Koinzidenz damit einhergehende Algorithmen der Suchmaschine Google - das Popularity Ranking - repräsentieren ein digitale Welt, die zurückgreift auf humane Kategorien der Relevanzzuordnung. Es handelt sich hier nicht zwingend um reale Personen, wenngleich dieses Attribut ein besonderes Insignium von Authentitiztät und damit vertrauensbildend ist. Im Zeitalter der Vermassung tritt gleichzeitig und nicht überraschend der Einzelne wieder hervor. Der Autor, ob real oder nur vorgestellt[28], bürgt für Qualität angesichts des überbordenden Hypertext des Internet.

Eine der wesentlichen, jedenfalls stark verbreiteten kreativen Aktivitäten eines Bloggers ist das Filtern von Informationen und Daten, die das Internet und die Wirklichkeit bereithält. Eine zunächst sekundär anmutende Schöpfungsleistung, die (parasitär) die intellektuellen Leistungen anderer verarbeite. Betrachtet man den Wissensraum allerdings als kommunikativen Akt sieht die Rolle des Filters anders aus.

In der Literaturwissenschaft entwickelt sich in den 1960er Jahren eine Literaturtheorie, die Rezeptions- bzw. Wirkungsästhetik nach Hans R. Jauþ und Wolfgang Iser, die vermittelnd zwischen Artefakt und NutzerIn trat, quasi als dritter Weg zwischen Produktionsästhetik (gesellschaft. Realität) und Darstellungsästhetik (Textstrukturen). “Nicht das Werk, sondern der kommunikative Akt kennzeichnen den ästhetischen Gegenstand.”[29].

Wurde in der Rezeptionsästhetik der Akt des Lesens (Herstellen von Zusammenhängen (Links), Ergänzen von Leerstellen (nodes)) bereits als grundlegend produktiv bezeichnet, tritt uns im Fall von weblog-basierter Produktion eine buchstäblichere Wandlung des passiven Rezipienten zum aktiven Produzenten entgegen.

Zu diesen beiden Grundmodalitäten von Produktion tritt noch eine dritte hinzu, die des Filterns. Eine der wesentlichen intellektuellen Leistungen ist die Integration von Information in bestehende Konzepte von Wissen und Erfahrung. Ein elementarer Baustein auf dem Weg dahin ist das Filtern von Informationen und Daten. Filtern verstehe ich dabei als die Zuordnung von Relevanz und von Metadaten zu zunächst dekontextualisierter Information. Es handelt sich dabei um eine Beinahe-Routine unserer Alltagskultur. Ich würde daher sagen, das Monströse von Weblogs liegt besonders in der massenhaften Unterstützung von (ehemals parasitären) Filtervorgängen. Wir sind noch nicht vertraut mit der massenhaften Vernetzung individueller Aktivitäten und unserer Rolle darin.

In einer Zeit, der es nicht an Wissen und Information mangelt, sondern uns eher ein Overflow (oder eben Information Anxiety) beschäftigt, entstehen auf diese Weise viele Agenten, die das Meer der Daten, der Information, des Wissens durchkämmen und subjektiv Relevanz und Kontexte zu bestehenden Informationen addieren. Diese Wertschöpfung, die als ein emergentes System (Steven Johnson), d.h. die nicht einer command-and-control-Struktur gehorcht, vorstellbar ist, hat etwas Monströses - freie Verschlagwortung vs. Einordnung in Ontologien und Taxonomien.

4. Netzwerke und öffentlicher Raum

Das Sprechen und auch die Bewegung im öffentlichen Raum, hier v.a. der Raum der Medienöffentlichkeit war seit jeher gut organisiert. Und zwar im Sinne derer, die an der Macht sind. Die potentielle Neuordnung der tradierten Strukturen durch Weblogs/Blogopshere und neue Produktionsverfahren (genuine Produktion und Filtern) steht in ihrem massenhaften Potenzial ausserhalb der aktuellen Kultur. Damit ist im obigen Sinne Raum gegeben für Fantasien. Ðbrigens Fantasien, die bereits zum Beginn des Internets und des Webs beobachtbar waren.[30]

Wenn wir auþerhalb der etablierten Medienöffentlichkeit sagen, dann ist ein Blick in die europäische Geschichte hilfreich. Der Weblogger, BETA|blogger [31], zieht eine historische Tangente in das vor-revolutionäre Paris des 18. Jahrhunderts. Mit Verweis auf den Historiker Robert Darnton identifiziert er Pamphletisten als archetypische Weblogger. Der revolutionäre Impetus des Bloggens ist analog dazu als ein oppositionelles Vorgehen gegen eine etablierte Medienöffentlichkeit verständlich.

Das Zu-Tage-Bringen von Tabu-Themen war und ist dabei Zeichen eines solchen neuen medialen ÇEroberungs-Diskursesë.[32]

Wenn der Diskurs und Gestus des BETA|blogger auch selbst Teil einer historischen Aneignungsstrategie ist so werden doch elementare Aspekte des Monsters und seiner Kreation angesprochen: Utopie und Dystopie bezüglich eines Raumes, der im historischen Moment geordnet scheint und an dessen Peripherie etwas Neues auftaucht. Die Identifizierung als “Pamphlete” ist Teil des Monsterdiskurses und gleichzeitig Beschreibung eines Phänomens, das kulturell noch nicht angeeignet - d.h. noch nicht im Zentrum, noch nicht kanonisiert - ist.

Abschlieþend noch ein Zitat, das als historischer Rückgriff einen Schluss auf das Selbstverständnis eines Bloggers zuläþt, der BETA|blogger konstatiert:

Dieser [Louis SÈbastian Mercier in den "Tableau de Paris] entwickelt als einer der ersten die Feinfühligkeit des Journalisten, gerade das wahrzunehmen und aufzugreifen, was direkt um ihn herum passierte.[33]

Ein Zuschreibung, die eine gute Referenz zu einem Diskurs in der deutschsprachigen Bloggerszene passt, der sich rund um die Definition des Terminus “Gonzo-Blogger”[34] entwickelte. Entgegengesetzt wird von der etablierten Medienöffentlichkeit die Minderqualität und der kleinteilige Blick - als “Nabelschau” - abwertend ins Treffen geführt.[35]

4.1 Rezeption und Umgang mit dem Monster

Dem Monster wird jedenfalls in den vier Modalitäten von Smits begegnet.

4.1.1 Vernichtung des Monsters Weblog/Filter/Blogosphere

  • Seitens der klassischen CMS-Partei wird die Funktionalität von Weblogs geringgeschätzt
  • Filtern wird als parasitär und sekundär wahrgenommen
  • Das Format wird als privates, irrelevantes, kurzlebiges Geschwätz abgetan
  • Qualität von Beziehungen/Content wird durch Quantität ersetzt, Soziales Kapital geht verloren. Strong ties werden durch weak ties ersetzt, dies wird als negativ empfunden[36].
  • Zerfall der Gesellschaft in unverbundene Subkulturen, Entsolidarisierung durch CMC
  • Virtuelle und reale Gemeinschaften (Communities) schlieþen einander aus.

4.1.2 Anpassung des Monsters Weblog/Filter

  • Bestehende CMS und KMS erhalten eine schwergewichtige Weblog-Extension
  • Etablierung von Ontologien
  • Die Kultur des Verlinkens erfährt eine Ÿchtung

4.1.3 Assimilation

  • We Media - Austausch/Wechselbeziehung professioneller und privater Recherche und Kommentare.[37]
  • Content und Verlinkungspraxis werden durch neue Konventionen verfügbar gemacht ohne Urheberrechte zu verletzen, Creative Commons (http://creativecommons.org/) ist ein Versuch
  • Social Software ist nicht nur Buzzword, sondern indiziert das Interesse am sozialen Potenzial von Software. D.h. weg vom Desktop (aber via den Desktop) hinzu zur Vernetzung.[38]
  • Integration freier Filter mit zentralen Taxonomien (k-collector, http://k-collector.evectors.it/)
  • Persönliche Annotationen, die öffentlich zugänglich sind. Auf diesem Weg ensteht ein bewertetes Netz an kontextualisierten Informationen, also Wissen. Zusätzlicher Pfad der Meinungsbildung.
  • Rekonfiguration des öffentlichen und des Privaten: zuhause und doch nicht allein. Communities of Interest werden personenzentriert abseits geografischer und zeitlicher Einschränkungen = “vernetzte Individualität”[39]
  • Neue informelle und unsichtbare online social networks werden möglich[40]
  • Virtuelle und reale Gemeinschaften (Communities) schlieþen einander nicht aus.

4.1.4 Apotheose

  • Politisches Heilserwartungen. Emergent Democracy ist die Vision unsere repräsentative Demokratie durch ein weblog-basierte direkte Demokratie abzulösen[41] sowie Elwyn Jenkinsë The Emerging Sixth Estate[42], der die Blogosphere als sechsten Stand (sixth estate) begreift, der einer eigenen Logik gehorcht und öffentliche Meinung - als Alternative und Kontrolle zu den anderen politischen Mächten - bildet.
  • Virtuelle Netzwerke lösen reale ab.
  • Ablöse des klassischen Journalismus durch Alltagsreporter vulgo Blogger.
  • Gesellschaftliche Meinungsbildung auf Kommentarsystemen und RSS-Basis
  • Ablöse von CMS und Desktop-Applikationen, der Mensch und seine Produktionsmittel gehen im Internet auf.
  • Sämtliches implizite Wissen wird explizit und nachhaltig nachvollziehbar.

5. Interaktive Netzwerke, Social Software und soziotechnisches Kapital

Offensichtlich ist in der Geschichte der Technologien, aller Paradigmenwechsel, also der Monster, ein ähnlicher Lebenszyklus zu beobachten. Das Potenzial liegt nun dort, wo man den richtigen Zeitpunkt erkennen kann. Das ist der Punkt an dem ein Monster von der Peripherie ins Zentrum geholt wird, es wird dabei Federn lassen, so wie das Zentrum Modifikationen vornehmen muss. Das ist der nachhaltigste Weg der Konfrontation mit dem Anderen und der schlussendlichen Integration. Auf diesem Weg wird häufig die ursprüngliche Bezeichnung des Monsters geändert. So wenig wie Menschen mit Herzschrittmacher als Monster (Integration anorganischer Substanzen im organischen Milieu) bezeichnet werden sind, so denkbar ist es, dass der Terminus Weblog zunehmend in den Hintergrund tritt und etwa durch andere wie bspw. Business-Journal ersetzt wird. Das worum es wirklich geht, heisst Interaktion und Vernetzung, wir stehen erst am Anfang der Reise.

Der Terminus Social Software tritt in diesem Zusammenhang auf den Plan, insofern als er als Ðberbegriff eine gesellschaftliche Aneignung von Software anzeigt, die zunehmend der technologisch unterstützten sozialen Vernetzung via Internet das Wort redet. Weblogs, als eine Spielart von Social Software, generieren Wissen durch Filtern, auf Vertrauen basierende soziale Netzwerke, letztlich eine Medienöffentlichkeit, die disloziert und zeitzonenunabhängig - wenn auch nicht zur Gänze[43] - ist. Das Monster Weblogs/Blogosphere tritt zu einem Zeitpunkt in Erscheinung, wo der Verfall tradierten sozialen Kapitals diagnostiziert wird. Als Ursache identifiziert, entsteht im Zuge der Assimilierung oder doch der Utopie die These von der Ersetzung tradierten Formen von sozialem durch soziotechnisches Kapital. Computer-mediated -communication (CMC) ist ein Mittel zur Anbahnung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen. Das Zusammentreffen (von produktiver Kombinationen) von IKT und sozialer (Austausch)Beziehungen führt bei Resnick[44] zum Terminus “soziotechnisches Kapital” als einer Sub-Kategorie von sozialem Kapital. Social Software ist die Reaktion auf globale Veränderungen, das Monströse äuþert sich solange das Neue und Andere von den Rändern ins Zentrum drängt, wenn es das denn tut. Nach Resnick[45] sind soziotechnische Innovationen des 21. Jahrhunderts Pendants zu den Antworten des letzten Jahrhunderts auf Fabriken, Urbanisierung und Immigration: Pfadfinder, den Gewerkschaften und Vereine.

Weblogs sind vielleicht nur ein Versuch informelle Netzwerke darzustellen und zu organisieren, im wesentlichen dezentral und emergent. Entsteht neben den traditionellen Netzwerken, die Wissen, Identitäten und Arbeitsbeziehungen schaffen ein neues, das möglicherweise zunehmend bedeutungsvoller wird? Wenn das so ist, dann lassen sich an den Rändern unser kulturelle Wahrnehmung die Smitsëschen Verhaltensmuster orten, zumindest solange das Monster nicht ins Zentrum eintritt oder vernichtet wird.

Die Analyse des Aufkommens und der Rezeption von Weblogs, der Blogosphere und der verwendeten Tools soll vermittels der Analyse ihrer Diskurse und Funktionalitäten, der sog. latent Social Software[46], den historischen Prozess der Kanonisierung einer neuen Publikationsform nachzeichnen.

Fuþnoten
  1. Mein Dank gilt Ton Zylstra (http://www.zylstra.org/blog/archives/001075.html), der mich auf die Arbeit von Martijntje Smits brachte, sowie der gesamten Blogosphere, die mich seit meinem Eintreten im April 2002 beständig bereichert, kritisiert, herausfordert jedenfalls anregt und mir ein bisher ungekanntes Maþ and Freude und Interesse am Web und seinen Bewohner und Raum schenkt.
  2. Manovich
  3. Vgl. (Blood, Rebecca, Dez 2002)
  4. Vgl. (Wolff, Phil, 2003-)
  5. (Smits, Martijntje, 2002)
  6. (Smits, Martijntje, 2002)
  7. Vgl. (Smits, Martijntje, 2002), 8.
  8. Vgl. (Smits, Martijntje 2002), 1.
  9. Vgl. (Winer, Dave, Jun 2002).
  10. Vgl. (Waypath, 2002).
  11. Vgl. (Hargittal, Eszter 2002), Hargittai analysiert die unterschiedlichen Nutzungsweisen des Internet, d.h. Medienkompetenz und die Fähigkeit Netzwerke zu nutzen. Neben den unterschiedlichen Voraussetzungen bzgl. des Vorhandensein von Zuganz zu neuen Medien sind immer wichtiger die unterschiedlichen Kompetenzen ein Thema.
  12. (Barbrook, Richard, Cameron, Andy ).
  13. (Smits, Martijntje 2002), 3.
  14. Vgl. (Berger, Peter L., Luckmann, Thomas 2000), siehe auch hier http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/sowi/kovo9798/psdiet.htm.
  15. Vgl. (Zylstra, Ton, 2003)
  16. Vgl. (Hourihan, Meg 6/13/2002).
  17. Vgl. (Trott, Ben und Mena).
  18. Vgl. (Langridge, Stuart; Hickson, Ian, 2002).
  19. Vgl. (Johnson, Steven 2001), siehe ad Emergenztheorie auch hier http://www.information-philosophie.de/philosophie/emergenz.html .
  20. Vgl. (Sergio, Fabio 2002)
  21. Vgl. (Sergio, Fabio 2002).
  22. Vgl. (Ruthner, Clemens, 1990).
  23. Auch an dieser Stelle bedanke ich mich bei (BETAblogger 2003) , der den Autor als Instanz des ÇEroberungs-Diskursesë der Blogosphere auf meinem Radar wieder erscheinen lieþ.
  24. Vgl. (Mason, Jean S., 2000)
  25. Vgl. (Goldhaber, Michael 1997 )
  26. (Resnick, Paul 2001), S?.
  27. Vgl. (Fukuyama, Francis, 1995).
  28. “Autor”, das ist im Web oft nicht mehr als eine bestimmte Trademark, die Texte im Netz unter ihrem Namen versammelt [...] Die erfolgreiche Verbreitung von Weblogs (verbunden mit einer Distribution von Software, die jedem Laien zum Medienmacher im Internet prädestiniert) mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen Strukturwandel von Medienöffentlichkeit anzeigen, in dem das Prinzip von Autorschaft entscheidenden Anteil bei der Bildung von Publizität hat.” (BETAblogger 2003).
  29. (Pflugmacher, Torsten 2002)
  30. Vgl. (Coates, Tom 2003)
  31. Vgl. (BETAblogger 2003)
  32. (BETAblogger 2003)
  33. (BETAblogger 2003)
  34. Vgl. (Kris, Jun 2003).
  35. “Bloggers are navel-gazers … thereës an overfascination with self-expression, with opinion. This is opinion without expertise, without resources, without reporting.” (Wired News Dez. 2002) zit. nach (Davies, William Mai 2003)
  36. Vgl. (Granovetter, Mark, 1973).
  37. Vgl. (Gillmor, Dan, May/June 2003).
  38. Vgl. (Shirky, Clay 2003)
  39. Vgl. (Wellman, Barry; Quan-Haase, Anabel; Boase, Jeffrey; Chen, Wenhong, Oct 2002).
  40. Vgl. (Nielsen, Jakob, Feb 2000).
  41. Vgl. (Ito, Joichi, März 2003)
  42. Vgl. (Jenkins, Elwyn, Juli 2002).
  43. Vgl. (Stegbauer, Christian 2001)
  44. Vgl. (Resnick, Paul 2001)
  45. Vgl. (Resnick, Paul 2001)
  46. Vgl. (Shirky, Clay, Sept 2003).
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