Social Software – eine Emanzipation?
Eine gewisse Müdigkeit macht sich breit, manchmal ist es auch Verbitterung. Manche von uns verzweifeln sogar daran. Die alte Dichotomie von Staat und Einzelindividuum wird verstärkt ins Treffen geführt so wie andererseits der Begriff und das Konzept des Staates ins Wanken gerät. Was am Ende das Tages zurückbleibt ist an anderen – als den oben genannten – Orten die Hoffnung, dass neue Technologien die Wiederaneignung des politischen Prozesses durch den/die BürgerIn ermöglichen, ja sogar erstmals wahr werden lassen.
Diese – im wahrsten Sinn des Wortes – Utopien – haben ideologisch ihren Ausgang in der Californian Ideology des Silicon Valley Kaliforniens. Wiewohl die Bewegung bereits in den 1960er Jahren ihren Ausgang als New Left (Worldwide) nahm, hat sie ihren größten Einfluss mit dem Aufstieg des Internet auszuüben begonnen. Als Gegenstück zum ökonomischen Liberalismus der amerik. New Right hat die Californian Ideology eine Integration von Marktwirtschaft und Kommunitarismus entwickelt. Mit dem Internet hat nun der dieser Bewegung inhärente Technikdeterminismus einen massiven Auftrieb erfahren. Eine neue Virtual Class schickte sich spätestens seit dem Beginn der 1990er Jahre an, die Welt mit der Formel digitaler Individualismus x virtueller Vergemeinschaftung zu erobern. Dieser scheinbare Widerspruch hat nun die letzten 14 Jahre nicht nur eine enorme wirtschaftliche Bedeutung erlangt, sondern beschäftigt zunehmen die Politik. Die Schlagworte sind Open Source Software, Open Spectrum, Open Access. Der Zugang zu Ressourcen ist zur zentralen öko-politischen Metapher geworden. Es gilt den Digital Divide zu schließen, erst wenn das erreicht ist, kann sich eine neue Welt entfalten. Eine Welt, die einerseits den Individualismus und andererseits die gesellschaftliche Kerngemeinschaft als zentrale Bausteine aufweist – all das ermöglicht durch den Einsatz und die Entwicklung neuer Technologien.
Diese Präambel erschien mir wichtig um im weiteren auf die Bedeutung von Social Software bzw. des Diskurses darüber einzugehen. Social Software ist ein Begriff, der gerade einmal 2 Jahre – in seiner aktuellen Bedeutung – alt ist (die historischen Wurzeln reichen zurück bis in die 1945er Jahre auf das Konzept bezogen, auf den Begriff vermutlich bis in die späten 1980er Jahre (K. Eric Drexler)). Er wurde geprägt von Clay Shirky, seines Zeichens Vordenker der IT-Entwicklung, Professor and der NYU (New York University) und Role-model des Wired, der Hauspostille des Silicon Valley. Vereinfacht läßt sich sagen, das Social Software alle Informations- und Kommunikationstechnologie bezeichnet, die v.a. der digitalen Vernetzung von Personen und Gruppen dient. Wenn man in die Geschichte zurückblickt, stellt Social Software die Weiterentwicklung vom großen Mainframe-Rechner, dann dem PC (Personal Computer), der v.a. der individuellen Produktivitätssteigerung dient, dar. War/ist der PC dazu da, um dem einzelnen Nutzer, der einzelnen Nutzerin bei der Produktivitätsoptimierung vermittels Textverarbeitungsprogramm, Grafikprogramm, Buchhaltungsprogramm etc. zu unterstützen, so ist es das Ziel und die Aufgabe von Social Software Netzwerke zwischen den NutzerInnen zu schaffen. Digitale Netzwerke, die im Sinne der Emergenztheorie intelligenter sind als die Summe der Einzelteile.
Vor diesem Hintergrund ist eine Entwicklung besonders von den Massenmedien wahrgenommen worden. Spätestens seit dem Vorwahlkampf zur amerikanischen Präsidentschaft begann man auch im deutschen Sprachraum auf den Einsatz von Social Software aufmerksam zu werden. Im Besonderen nahm/nimmt man sich dem Phänomen Weblog an. Die (im Rahmen der internen Ausscheidung quasi) gescheiterte Kampagne des demokratischen Kandidaten Howard Dean markiert einen historischen Meilenstein wie – zumindest in den USA – Politik sich der virtuellen Welt des Word Wide Web bedient. So erfolgreich war der Einsatz dieser Mittel in dieser trotzdem gescheiterten Vorwahl, dass ab dann kein Politiker darauf verzichten kann.
Nun gut, was hat das mit Emanzipation zu tun, wird man sich fragen. Zurecht gilt es festzuhalten, dass hier lediglich eine neue Technik der politischen Kommunikation eingesetzt wird. Ja, aber wären da nicht die Weblogs, denen schon weiter zurückreichend eine zentrale Bedeutung im Diskurs der Emanzipation bzw. der Gegenkultur zukommt.
Was sind Weblogs, was ist ein Weblog? In aller Kürze sei hier festgehalten, es handelt sich dabei um gleichermaßen eine Technologie wie ein Format und in gewisser Weise um eine politische Haltung – zu letzterem weiter unten. Zuvor noch ein paar Worte der Beschreibung des Phänomens. Das (manche sagen auch der) Weblog ist – technologisch gesprochen – ein Content-Management-System, dass es dem/der NutzerIn ermöglicht, das Hauptaugenmerk auf die Kreativität der Produktion von Inhalten zu legen, die Software erledigt quasi im Hintergrund den gesamten Prozesse des Publizierens, Archivierens sowie des Syndizierens der Inhalte. Weder IT- noch Grafik/Design-Kenntnisse sind nötig. Damit stehen sehr effiziente und professionellle Produktionsmittel zur Verfügung, die multimedial Inhalte publizieren können. Das besondere daran ist, dass diese Produktionsmittel nur geringe bis keine Investitionen auf seiten der Produzenten erfordern – siehe in diesem Zusammenhang auch das Thema Open Source Software.
Wenn man so will liegt der emanzipatorische Charakter eben in der leichten Verfügbarkeit dieser Produktionsmittel – an dieser Stelle sei mir der Verweis auf die völlig andere Situation im Bereich der klassischen Massenmedien verwiesen, der das Projekt Offener Kanal entgegengesetzt wird.
Wenden wir uns nun kurz den Format und den Verwendungszusammenhängen zu. Ein Weblog ist nichts anderes – auf der Interaktions sprich LeserIn-Seite – als eine Website, die verkehrt chronologisch sortiert ist, d.h. sie besteht genauer gesprochen aus einzelnen Inhaltselementen (Posts), die einen Titel, eine Text, manchmal eine Beschlagwortung oder Kategorie und eben einen Datumsstempel haben. Das sind die zentralen Element. Dazu kommen noch Elemente, die die zunächst monolithische und singuläre digitale Inhaltssammlung sozial macht. Das Format Weblog bietet dem/der LeserIn noch weitere Ankerpunkte, da wäre (i.d.R) der Permalink, die Kommentar-Möglichkeit, sowie Trackback. Letztere Interaktionsmöglichkeiten sind für die Vernetzung der einzelnen Weblogs von Bedeutung. Das besondere am Format Weblog ist ja v.a. die Bezugnahme zu Inhalten auf anderen Websites. Zumeist wird von/m Weblog-AutorIn kommentierend, kritisierend, affirmierend auf Inhalte anderer Seiten Bezug genommen und zwar mit direkter Quellenangabe (unter Verwendung von Hyperlinks, im besten Fall Permalinks). Damit ist per se das Weben eines Netzes von Inhalten ermöglicht. Diese digitale Verbindung erhöht evidenterweise die Verbreitungsgeschwindigkeit von Inhalte, dazu mehr weiter unten.
Weiter oben habe ich auf die politische Haltung der Blogosphäre verwiesen. Nun dies ist für unsere Fragestellung der springende Punkt. Es gibt zwar soviele politische Haltungen wie es BloggerInnen (Personen die Weblogs betreiben) gibt, aber – und das wage ich hier – alle eint ein spezifisches Moment. Es ist das Moment der Befreiung. Emanzipation (aus dem Lateinischen kommend) heisst ursprünglich Entlassung des Sklaven aus der Hand/Obhut des Besitzers oder im aufklärerischen Sinne Mündigkeit. Nun, fürwahr, die vergleichsweise (v.a. in den Erste-Welt-Staaten) leichte Verfügbarkeit der Produktionsmittel sowie die Vernetzung der Individuen vermittels der technischen Infrastruktur hat offenbar eine Wahrnehmung in- und ausserhalb des Diskurses generiert, die häufig mit Emanzipation gleichgesetzt wird. Wenn ich von Emanzipation spreche, dann ist es mehr als nötig zu fragen, Emanzipation wovon – mit anderen Worten Entlassung aus welcher Obhut, welches Besitzers?
Womit wir im Kern des euphorischen Diskurses angelangt wären. Weblogs firmieren mittlerweile als Metapher für eine neue Forme der Demokratie. Als Emergent Democracy – ein Diskurs um den japanischen Internet-Entrepreneur und Venture Capitalist Joichi Ito – wird das Resultat der Verwendung der Technologie und des Formates Weblog im quasi übergesellschaftlichen Kontext gesehen. Die Gesellschaft packt sich quasi selbst am Schopf unter Zuhilfenahme der verfügbaren technischen Prothesen und geht aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit der repräsentativen Demokratie über in einen Zustand der technologisch induzierten Basisdemokratie. Das bitte nicht zynisch zu verstehen, sondern den Zusammenhang mit der Califonian Ideology zu sehen, die ja gleichermaßen politisches wie Wirtschaftskonzept ist.
An einem anderen Schauplatz, tiefer im Gewerk der Gesellschaft, wird das Weblog als Alternative zum überkommenen Journalismus gefürchtet bzw. hoffnungsvoll identifiziert. Weblogs seien die authentische, subjektivierte Revanche der massenmedial versklavten BürgerInnen (siehe oben). Weblogs bzw. deren AutorInnen schreiben in manchen (beileibe nicht allen Fällen) gegen die interessengeleitete Berichterstattung der Medienhäuser, die ihrerseits in politische und ökonomische Zwänge eingebunden sind. Der/die BloggerIn ist (scheinbar) frei von diesen Zwängen und bringt sich als Individuum ein. In manchen Massenmedien wird angesichts der anstehenden US-amerikanischen Präsidentschaftswahl die Frage gestellt, ob das Ergebnis wohl von den BloggerInnen bzw. vom Lesen von Weblogs entschieden wird. Wohl noch nicht, würde ich meinen. Was aber ein nicht zu hintergehendes Faktum bleibt, ist die Schaffung von alternativen Öffentlichkeiten vermittels neuer Technologien. Dies ist keine Utopie oder Dystopie, sondern Realität. Digitale – um nicht zusagen virtuelle – Communities sind da und zwar erfolgreich. Sie stellen nun allerdings keine Emanzipation dar, es sei denn man versteht unter Emanzipation das Eröffnen neuer Möglichkeiten von Vergemeinschaftung. In diesem Sinne wäre aber auch die verbreitete Nutzung des Automobils eine Emanzipation von Raum und Zeit.
Zusammenfassend möchte ich festhalten, dass die neuen sozialen und gesellschaftlichen Formate durch die Verwendung von Social Software nicht hoch genug geschätzt werden können – an dieser Stelle sei an den Einsatz von Social Software in Geschäftsprozessen erinnert. Die Technologie hat – aus der Sicht der Produktionsmittel und Format betrachtet – den Charakter von Produktivitätssteigerung und Kommunikationsverdichtung. Das heisst mehr Menschen können Inhalte produzieren, konsumieren bzw. interagieren. Emergenztheoretisch muss das zu einer gesamtgesellschaftlichen Intelligenzsteigerung führen. Allein dadurch sind gesellschaftliche Veränderungen absehbar. Wenn man so will wird der partizipatorische Charakter auf eine neue Schwelle gehoben. Emanzipatorisch – um die Eingangsfrage zu beantworten – würde ich das nicht sehen. Die Vorstellung á la Münchhausen unter Zuhilfenahme technischer Prothesen, aus der selbstverschuldeten Versklavung durch die eigene Geschichte auszusteigen und neu zu beginnen hat etwas Romantisches, damit ist sie aber gleichzeitg ein Fluchtpunkt.
Social Software gibt uns neue Mittel und Konzepte der globalen Vernetzung zur Hand, es liegt an jedem/r Einzelnen zu entscheiden ob und wie Gesellschaft und persönliches Leben damit lokal modifiziert werden können. Eines ist gewiss durch Social Software rücken wir alle näher zueinander und kommunizeren in erhöhtem Ausmaß.
Thomas N. Burg, ehem. Leiter des Zentrums für Neue Medien an der Donau-Universität Krems, jetzt Gesellschafter der Firma , ist Experte im Bereich Social Software. Sein besonderes Interesse gilt der Analyse und dem konkreten Einsatz von innovativen Technologien, die neue soziale Prozesse schaffen v.a. im Bereich Wissensmanagement und organisationalem Lernen. Er berät in dieser Sache Unternehmen, die öffentliche Hand, Politische Parteien, NGOs, NPOs, Privatpersonen, Vereine etc.
Die Firma permalink ist spezialisiert auf die Entwicklung kollaborativer Systeme, die Social Software Prinzipien für den Enterprise-Einsatz nutzbar machen.
Sein Weblog: randgaenge.net
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hallo thomas,
schon lustig, wen man so im internetz wiederfindet!
ich denke, wir haben uns das letzte mal vor ungefähr 20 jahren gesehen – wahrscheinlich sagt dir mein name eh nix mehr – wurde damals auch bobby genannt.
ich kann mich nur erinnern, daß du damals volkswirtschaft studiert hast. nun der text weiter oben läßt mich eher auf einen intelektuellen soziologen tippen – aber das ist ja kein widerspruch!
good luck!
robert (bobby)
Hallo Thomas N. Burg,
ein sehr interessanter Artikel, vielen Dank dafür.
Menschen miteinander kommunizieren und diskutieren zu lassen ist mit Sicherheit ein wichtiger richtiger Schritt in Richtung emanzipierte Gesellschaft.
Doch sind die Möglichkeiten in der bekannten Form von „Social Software”, wie wir sie kennen, klar begrenzt.
Nur zu reden und Themen zu diskutieren wird auf Dauer nicht reichen, um Menschen zu binden. Der Nutzen ist zu gering. In Blogs und auch Foren wird geschimpft, geflucht, beleidigt, heraus kommt am Ende oft nicht viel Produktives und nach zwei Tagen findet man nichts wieder. Es gründet sich daraus kein Verein, keine neuen Unternehmen, Organisation in der die Gleichgesinnten aktiv handeln und etwas Großes bewegen wollen.
Die Menschen müssen, meines Erachtens, mehr geboten bekommen, als eine starre Präsentation-, Diskussions- und Kommunikationsplattform.
Die Menschen müssen sich auf einer Plattform individuell präsentieren, kennen lernen, kontaktieren, diskutieren, organisieren, weiterbilden, Projekte anstoßen, Ideen und Hobbies austauschen, neue Jobs und Perspektiven finden können.
Sie müssen die Möglichkeit bekommen ihr brachliegendes Potenzial und ihre Ideen aktivieren und nutzen zu können.
Ich denke, das ist die Herausforderung der nächsten Jahre, durch neue Lebensqualifikationen mehr Lebensqualität und damit auch mehr Selbstvertrauen und Emanzipation zu entwickeln. Für sich und die Gesellschaft.
Liebe Grüße
Helge
Ich denke der Idee der zentralen Plattform zu widerstehen, aber zentral Daten/Relationen – die dezentral generiert und gespeichert werden – zur Verfügung zu stellen ist ein Issue.
Für mich stellen sich hier einige Fragen, ich würde hier dennoch hier nur eine stellen (für die anderen verweise ich auf mein Blog): Hat die Blogosphere tatsächlich das Bewusstsein einer virtuellen Klasse und damit auch einen sozialen Agenten der Emanzipation? Oder müssen wir stärker den Anschluss an Bewegungstheorien suchen, um einen Blick auf die Emanzipation durch Social Software zu bekommen?
Hi Lars,
ich wurde unlängst gefragt, ob Tools einen Einfluss auf eine Organisation bzw. die Menschen ausüben können. Ich war zunächst verwundert, weil das ja technikdeterministischer Häresie gleichkommt. Andererseits – angestoßen durch die Frage, quasi getriggert – bin ich doch der Meinung, dass Tools scheinbar einen Einfluss haben. Wobei unklar bleibt, wieweit ein sozialer, kultureller Kontext das Tool schon vorgefertigt hat.
Danke für deinen Kommentar auch wenn ich ihn nicht direkt beantworte
Hi Thomas,
Eine Genealogie des Weblogs gibt es ja in Ansätzen schon bei Miller/Shepherd, wobei man da sicher noch etwas dazu arbeiten müsste. Dass Weblogs als Tools (aus meiner Sicht also eine diskursive Formation) Kommunikation organisieren, also spezifisch gestalten und auch andere Kommunikationen verunmöglichen, ist glaube ich nicht fraglich. Allerdings würde ich auch dem Satz “Every tool is a weapon if you hold it right” von Ani Di Franco zustimmen.
Ich weiss nicht, inwieweit ich da in dieselbe Bresche wie Jan Schmidt schlage, wenn ich nach dem richtigen Gebrauch frage und er nach der Möglichkeit von Orten guten Lebens. Die Frage die ich oben stellte, richtet sich auf das Verhältnis von e-democracy, sozialem/technologischem Fortschritt und Emanzipation. Oder anders gesagt: Wer definiert den Digital Divide, welche Strategien lassen sich dagegen verfolgen und welche Rolle spielt darin die Blogosphäre. Nachdem diese ja wirklich eine Form der Zivilgesellschaft (i.S. Gramscis) darstellt, wäre mir ein Verweis auf die Aktivität des Einzelnen nicht unbedingt ausreichend.